Ehreo di sangue,
Amburghese di cuorCy
d^anima Fiorentino«
(
l
I
■
' ''
M
i'J^'
ABY M. WARBURG
Vortrag von
Frau Professor Dr. Gertrud Bing
anläßlich der feierlichen Aufstellung
von Aby Warburgs Büste
in der Hamburger Kunsthalle
am 31. Oktober 1958
mit einer voraus gehenden Anspradie von
Senator Dr. Hans H. Biermann-Ratjen
Hamburg
1958
SENATOR DR. HANS H. BIERMANN-RATJEN
Sehr verehrte Anwesende,
fast auf den Tag vor 29 Jahren, und wahrsdieinlidi
an einem ähnlichen windig-grauen, von fahlbuntem
Blätterwerk gesdimückten Hamburger Oktobertage
wie heute, starb Professor Aby Warburg, 63 Jahre alt,
in Hamburg, seiner Vaterstadt, in Deutsdiland, sei¬
nem Vaterlande, zu deren geistiger Elke er noch un¬
angefochten gehörte. Wenige Jahre später nahm idh
im Bankhause Warburg an einer Sitzung für eine der
vielen wohltätigen Einrichtungen teil, deren Gründer,
Max M. Warburg, den Vorsitz führte, indes draußen,
in der Hermann- und Ferdinandstraße, stampfende
braune Kolonnen unter rhythmischem Gröhlen die
hereinbrechende Finsternis verkündeten. Dem toten
großen Gelehrten konnten sie nidits mehr anhaben,
aber nodi seine Manen, seine geistige Überlieferung,
seine kostbare, einzigartige Bibliothek wurden aus
ihrem Stammsitz vertrieben und fanden, auf immer
für uns verloren, eine neue gastliche Heimat in
England.
Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, so
subjektiv fortfahren, wie ich begonnen habe, denn ich
habe Aby Warburg noch selbst gekannt, bin als junger
Mann zu den Vorträgen in dem Doppelhause in der
Heilwigstraße gepilgert, das damals die Bibliothek
5
Warburg beherbergte und habe noch in diese unheim¬
lich bannenden Augen blicken dürfen, - Augen, leuch¬
tend von Geist und von Schwermut umdunkelt -, die
einem ganz unmittelbar einen Begriff davon vermit¬
telten, was das ist: ein genialer Mensch. Nur mit
äußerster Behutsamkeit sollte man diese Vokabel ver¬
wenden, aber hier erweist sie sich als unentbehrlich
zur Umschreibung des Phänomens, dem diese Feier¬
stunde gilt, und das aus Scharfsinn und Witz ebenso
gespeist war wie aus magischem Ahnungsvermögen.
Und wie dankbar muß ich sein, daß persönliche Er¬
innerung - so bescheiden sie sein mag - mich instand
setzt, heute statt einer formellen Begrüßungsrede aus
eignem Erlebthaben, eignem Angerührtsein sprechen
zu können, und mich befähigt, Begriffsbilder wie
»Nachleben der Antike«, »Kunstgeschichte als Kultur¬
geschichte«, »Pathosformel« lebendig in mir nachzu¬
vollziehen.
Ganz außerordentlich schwer ist der Verlust, den
wir mit der Abwanderung der Bibliothek Warburg
erlitten haben. Denn sie ist ja weit mehr noch als nur
eine Büchersammlung, so einzigartig und unersetzlich
auch ihre Bestände an Kunst- und Kulturgeschichte
und besonders der Antike sind, - sie ist das Gehäuse
einer ständigen umfassenden geistigen Bemühung ge¬
wesen, und wir alle, auch wir Hamburger, müssen
den Rettern des Instituts, dem verstorbenen Professor
Saxl, Frau Professor Bing, den Herren Max und Eric
Warburg, aber auch den englischen Freunden und
Helfern tief dankbar sein, daß ihnen das überaus
6
schwierige und gefährliche Werk der Übersiedlung des
ganzen Instituts gelungen ist. Denn für die abend¬
ländische Wissenschaft kam es schließlich nicht darauf
an, wo sondern daß das Institut überhaupt weiter¬
lebte, und zwar unter Bedingungen, die eine konti¬
nuierliche Weiterarbeit nach den Methoden und Ziel¬
setzungen ihres Gründers gestatteten. Dieses Wagnis
ist in bewundernswerter Weise geglückt.
Nun sind Sie, verehrte Frau Professor Bing, die
getreue Sachwakerin des Warburgschen Erbes, nach
Hamburg gekommen, und wir empfinden Ihren Be¬
such als eine bedeutende und versöhnliche Geste. In¬
dem Sie damit bekunden, daß Sie bereit sind, die
Gespenster einer furchtbaren Vergangenheit der ver¬
dienten Vergessenheit zu überantworten, geben Sie
uns Gelegenheit, zu versichern, daß wir die tiefe mo¬
ralische Verschuldung unseres Volkes nicht vergessen
werden und bereit sind, sie nach Kräften abzutragen.
Darin sehen wir keine deutsche Selbsterniedrigung,
sondern eine Katharsis. Diese Gewissensreinigung ist
für uns die Vorbedingung und Grundlage jedes neuen
deutschen Selbstgefühls.
Wenn wir nun aus den Händen des Herrn Eric
Warburg als des Vertreters der Familie die gerettete
Bildnisbüste Aby Warburgs, die seine Gattin Mary
Warburg-Hertz schuf, wieder in Empfang nehmen
und im Hamburger Kunsthallen-Pantheon verdienter
Männer wieder aufstellen, so empfinden wir das nicht
so sehr als eine Ehrung für ihn, sondern als Ehre für
uns, — als tröstlichen Beweis, daß sein guter Geist sich
7
nidit länger von uns abgewandt hat und zu uns zu¬
rückgekehrt ist.
Ich schließe mit dem Wort von Johann Gottfried
Herder, das Carl Georg Heise dem schönen Erinne¬
rungsheft an seinen einstigen Lehrer vorangestellt hat:
»Wohl dem, den sein Lebens fr agment auch alsdann
nicht gereut.^
8
FRAU PROFESSOR DR. GERTRUD BING
Ich möchte zunächst Ihnen, Herr Senator, für Ihre
sdiönen Begrüßungsworte herzlich danken; und daran
möchte ich meinen Dank dafür ansdiließen, daß Sie
mich eingeladen haben, an Ihrer Gedenkfeier teil¬
zunehmen. Ich spreche damit auch im Namen des
Instituts und der Universität London, der Sie einen
so schönen Tribut gezollt haben. Nicht zum wenigsten
gilt meine Dankbarkeit den vielen guten Freunden,
die am Zustandekommen dieser Feier mitgewirkt
haben. Wir alle wissen, was diese Zusammenkunft
an dieser Stelle bedeutet, und ich freue mich, daß
Warburgs Büste wieder in einer so würdigen und kon¬
genialen Umgebung ihren Platz gefunden hat. Sie ist,
wie Sie wissen, erst nadi seinem Tode entstanden, und
zwar deshalb, weil seine Frau ihn nie dazu bewegen
konnte, ihr Modell zu stehen. Allerhöchstens wolle
er sich dazu bereitfinden, sagte er, wenn sie ein Rei¬
terstandbild in natürlicher Größe von ihm machen
würde.
Er wäre mit mir sehr unzufrieden gewesen, wenn
ich gezögert hätte, audi meinen Teil zu dieser Feier
beizutragen. Trotzdem will ich Ihnen nidit verhehlen,
daß es mir zuerst ganz unmöglich sdiien, vor Ihnen
über Warburg zu sprechen. Was kann man in fünf¬
undvierzig Minuten über Warburg sagen? Wie kann
man überhaupt in wenigen Stridhen das Bild eines
9
Menschen zeidinen, der in jeder seiner Äußerungen
so sehr das Gepräge des Ungewöhnlichen trug? Außer
seiner Familie und einigen alten Freunden werden
nicht viele unter Ihnen sein, die ihn gekannt haben.
Wir haben heute den 31. Oktober, und vor zwei Tagen
waren es neunundzwanzig Jahre her, seit er gestorben
ist. Selbst wenn Sie diejenigen befragen, die ihm nodi
begegnet sind, werden Sie keine eindeutige Antwort
erhalten. Einige - vielleicht sogar die meisten - wer¬
den Ihnen von seinem sprühenden Witz erzählen und
eines von den vielen, mit unübertrefflicher sprach¬
licher Brillanz improvisierten Scherzworten zitieren,
die von ihm im Umlauf waren und manchmal sogar
anonym noch sind. Ein andrer wird davon sprechen,
mit welcher Unbedingtheit sein Leben den eigenen
inneren Gesetzen folgte, die ihn immer in die Rich¬
tung des Absoluten drängten. Noch ein andrer wird
sidi daran erinnern, wie unbequem es sein konnte,
wenn er versudite, diese Gesetze einer Umwelt an¬
nehmbar zu madien, die durchaus nicht immer bereit
war, ihm zuzuhören. Sogar diejenigen seiner Schüler
oder Freunde, denen sein wissenschaftlidies Gespräch
unvergeßlich geblieben ist, werden nicht immer sagen
können, worin dessen Bedeutung bestand und was es
so ungewöhnlich eindrucksvoll machte. Warburg selbst
pflegte von sidi zu sagen, er sei »wie gemacht für eine
schöne Erinnerung«, In dieser witzigen Formulierung
haben Sie zugleich eine Spur seines eigenen tragischen
Bewußtseins davon, daß es ihm nicht vergönnt war,
mit sich oder seiner Umgebung in ungestörter Har-
lO
monie zu leben. Aber tatsächlich hat er mit diesem
Wort recht behalten: er ist beinahe zu einer mythi¬
schen Figur geworden. Seiner wissenschaftlichen Per¬
sönlichkeit ist es nicht anders ergangen. Seine Gesam¬
melten Schriften umfassen nur zwei Bände. Die Resul¬
tate und Gedankengänge, die ihm seinen besonderen
Platz in der Reihe der großen Kunsthistoriker seiner
Generation gesickert haben, sind in fünf oder sechs
Aufsätzen niedergelegt - Meisterwerke von histo¬
rischer Akribie, psychologischer Feinfühligkeit und
phantasievoller Durchdringung des Materials, aber
keine leichte Lektüre. Selbst diese geben nur einen Teil
dessen wieder, was er für die Wissenschaft bedeutet
hat. Um ein volles Bild davon zu gewinnen, müßte
man die vielen Fragmente hinzuziehen, die Hinweise,
Aperfus und Entwürfe, die sidi in immer wieder ver¬
suchten und immer wieder verworfenen Formulie¬
rungen in seinem schriftlichen Nachlaß befinden. Man
müßte seine Vorträge wiederherstellen können, die
er frei hielt und für die wir nur Dispositionen und
Notizen besitzen, und die vielen ungezwungenen
Unterhaltungen, in denen er nicht müde wurde von
dem zu erzählen, was ihn wissenschaftlich bewegte.
Man müßte vor allem die Arbeiten hinzuziehen, die
seit sechsunddreißig Jahren aus dem Institut hervor¬
gegangen sind, das seinen Namen trägt. Ich glaube,
beinahe in allen ließe sich das herausholen, was in¬
haltlich oder methodisch auf ihn zurückgeht; und mir
scheint es sogar, daß sich jetzt rückblickend seine wis¬
senschaftliche Gestalt klarer aus diesen Arbeiten her-
II
aussdiälen ließe als es zu seinen Lebzeiten aus seinen
Schriften allein möglich gewesen wäre.
Das Einzige, was ich heute tun kann, ist deshalb,
aus meiner Erinnerung ein paar Züge hervorzuholen,
die mir für ihn charakteristisch scheinen, und im
Zusammenhang damit soviel von seiner Arbeit zu
erzählen, daß es nicht als eine bloße Sadie des Lo¬
kalpatriotismus erscheint, wenn wir heute seiner ge¬
denken.
Eines möchte ich von vornherein hervorheben: War-
burg ist kein weltfremder Gelehrter gewesen. Sein
Bruder Max pflegte eine Gesdiichte zu erzählen, wie
er und Aby sich als zwölf- und dreizehnjährige Jungen
in ihr Erbrecht geteilt hätten; und zwar so, daß Max
und nicht Aby das väterlidie Bankhaus übernehmen
sollte, dafür aber versprechen mußte, dem älteren
Bruder alle Bücher zu kaufen, deren dieser zu seinem
Studium bedürfen werde. Wenn Max Warburg dieser
Geschichte dann noch hinzufügte, dies Verspredien
sei der größte Blankoscheck gewesen, den er je in
seinem Leben unterzeichnet habe, dann klang sie wie
eine typische Episode aus der Kindheit des großen
Gelehrten, der nichts als Bücher im Kopf hat. Und bei
einem Privatgelehrten, der alle Universitätsberufun¬
gen, die an ihn ergingen, konsequent abgelehnt hat,
ist es nicht schwer an dieser Vorstellung festzuhalten.
Aber wenn man bedenkt, daß Warburg wirklidi eine
wissenschaftliche Bibliothek aufgebaut hat, die bei
seinem Tode etwa 65 000 Bände umfaßte und jetzt
ungefähr 140 000 Bände zählt, so ist selbst in dieser
12
Kindheitsanekdote ein gewisser Instinkt für den
praktischen Medianismus des Daseins nicht zu ver¬
kennen. Max Warburg selbst kannte diese Fähigkeit
seines Bruders genau. Er hat immer betont, wie leb¬
haft er sich für die Angelegenheiten des Bankhauses
interessierte und wie verständnisvoll er sie beurteilte.
»Mein Bruder wäre ein ganz guter Bankier gewor¬
den«, pflegte er zu sagen. Insbesondere hatte der Pro¬
fessor eine feine Witterung für Krisenstimmungen an
der Börse, und wenn er unvermutet bei seinen Brüdern
im Büro erschien mit der Bemerkung: »Ich höre die
Fittiche des Pleitegeiers rauschen«, so hatte er häufig
recht. Er hat audi den Aufbau seiner Bibliothek durch¬
aus als Beruf angesehen. Jahrelang war er sein eigener
Bibliothekar. Es kann nicht viele Gelehrte gegeben
haben, die auf dem internationalen Büchermarkt so
gut zu Hause waren wie Warburg und die wie er Tag
für Tag die späten Abendstunden ihrer Müdigkeit
abgerungen haben, um antiquarische Bücherkataloge
zu lesen.
Mit dem gleichen Ernst machte er Dinge des öffent¬
lichen Lebens zu seiner Sache, soweit sie Wissenschaft
und Kunst betrafen. Auch hier war er nie bereit, sich
mit dem Mittelmäßigen abzufinden, und sich auf den
Boden der Tatsachen zu stellen, wie der schöne Aus¬
druck lautet, lag ihm nicht. Aber ein anderer Zug ist
vielleicht überraschender, besonders in dem esoteri¬
schen Lidit, in dem Warburg jetzt einer jüngeren
Generation erscheint: das ist seine Sorge für die Erwach¬
senenbildung, die damals noch nicht so im Mittelpunkt
13
des Interesses stand wie jetzt, die er aber als die Vor¬
aussetzung jedes gedeihlichen wissenschaftlichen Le¬
bens ansah. Seine Vorlesungen am Volksheim, zu
dessen Gründern er gehörte, standen keinem Univer¬
sitätskolleg an wissenschaftlicher Gründlichkeit nadi.
Es gibt in diesen Vorträgen über Leonardo, oder
Dürer, oder Florentiner Frührenaissance viele Details,
von denen man sich sagt, daß sie die Fassungskraft
seiner Zuhörer überstiegen haben müssen. Aber das
hatte nichts auf sich. Es war sein Geheimnis, daß er
allen, alt oder jung, gelehrt oder unwissend, selbst
Kindern, das nahezubringen wußte, woran es ihm lag.
Er war kein blinder Vorkämpfer für den Gedanken
einer Universität in Hamburg. Es gibt Äußerungen
von ihm, die darauf hindeuten, daß es ihm wichtiger
erschienen wäre, zunächst einmal die vorhandenen
Bibliotheken, Stadtbibliothek und Commerzbiblio¬
thek, einem größeren Kreise von interessierten Laien
zu eröffnen - ihnen, wie er es nannte, »den Weg zum
Buch zu weisen«. Aber als nach der Gründung der
Hamburgischen Universität die Gefahr bestand, daß
Ernst Cassirer durch einen Ruf nach Frankfurt von
seinem Lehrstuhl in Hamburg weggeholt würde, ver¬
schmähte Warburg es nicht, in die Arena der Tages¬
polemik einzutreten. Er ließ seinen Artikel »Warum
Hamburg den Philosophen Cassirer nicht verlieren
darf« im Hamburger Fremdenblatt erscheinen, weil
er fand, daß das große Publikum ein Recht darauf
hatte zu erfahren, um was es bei diesen akademischen
Besetzungsfragen ging. Hier muß idi auch die Aus-
Stellung erwähnen, die er für das Hamburger Plane¬
tarium geplant, deren Aufstellung er aber nicht mehr
erlebt hat. Sie besteht aus Bildern und Modellen, die
die Geschichte von Astronomie und Astrologie illu¬
strieren, und ist das Resultat von langen Jahren ge¬
lehrter Forschung. Aber ihr Zweck war, in der All¬
gemeinheit ein historisches Bewußtsein zu wecken. Es
schien ihm nicht genug, daß die Besucher das Schau¬
spiel der Sternbewegungen als fertiges Resultat vor¬
gesetzt bekamen; sie sollten auf die Geschichte hin¬
gewiesen werden, die zu unserer heutigen Vorstellung
vom Weltall geführt hat.
Das waren die Dinge, an die er dachte, wenn er
sagte, er habe seinen Hamburgern immer versichert:
»Bildung schadet nichts«. Aber er konnte andere Sai¬
ten aufziehen, wenn sein Gefühl für künstlerische und
intellektuelle Integrität von denen verletzt wurde, die
dazu bestellt waren, es besser zu wissen. Wo er eine
solche Gefahr spürte - und in diesen Dingen war er
sehr hellhörig -, da gab es für ihn kein Kompromiß
und kein Ansehen von Person und Stand; ohne Scho¬
nung für die, die er als die Urheber des Unheils ansah,
aber auch ohne Rücksicht darauf, ob er sich selbst un¬
beliebt machte, zog er mit allen Waffen seiner Feder
und seines schneidenden Witzes zu Felde. Vielleicht
erinnern sich einige von Ihnen noch an seinen Kampf
um die Fresken von Hugo Vogel im Großen Saal des
Rathauses; er hat einen geharnischten Artikel gegen
sie geschrieben. Als er viele Jahre später während des
ersten Weltkrieges erfuhr, daß Hugo Vogel ins Große
15
Hauptquartier berufen worden sei, um das offizielle
Porträt von Hindenburg zu malen, sagte er in voll¬
kommenem Ernst: »Jetzt verlieren wir den Krieg
sicher«. Das war alles andere als ein bon mot. Es gab
einfach für ihn in diesen Dingen keine Zone der
Gleichgültigkeit oder selbst der minderen Wichtigkeit.
So protestierte er auch gegen die Innenausstattung der
Hapagdampfer im Stil Ludwigs XIV. Durch diese
Vorspiegelung einer falsdien Pracht würden die Pas¬
sagiere nur darüber hinweggetäuscht, daß sie der
Willkür einer unberechenbaren Naturkraft ausgelie¬
fert wären. Daß dies sich tatsächlich im Zeitalter des
Untergangs der »Titanic« abspielte, ist dabei gleich¬
gültig. Es war eine Frage des Prinzips, keinen billigen
Optimismus zu dulden und sich nicht einem vermesse¬
nen Gefühl von Sicherheit hinzugeben, wo der Mensch
doch schon dankbar sein kann, wenn er ohne Schaden
davonkommt. Es gibt audi frivolere Geschichten die¬
ser Art: als er einmal als Sachverständiger vor eine
Kommission berufen wurde, die über Auflösung oder
Weiterführung der Abguß-Sammlung in der Kunst¬
halle befinden sollte, begegnete er dem bekannten
bürokratischen Hinweis auf Präzedenzfälle und hohe
Kosten mit dem Einwand, daß Gips in der Natur in
unbegrenzten Mengen vorhanden sei. Der Ausdruck
Präzedenzfall war für ihn das rote Tuch: damit konnte
jede Initiative totgemacht werden. Ich habe mich ge¬
freut zu hören, daß die Abguß-Sammlung heute nodi
besteht.
Aber dies Bild des militanten Warburg bedarf der
i6
Ergänzung. Es gab keinen treueren Freund als ihn.
Wb er fühlte, daß er anerkennen konnte, tat er es
ohne Rückhalt, und seine heilige Unzufriedenheit ver¬
stummte. Ich möchte nicht verfehlen, zweier seiner
Freunde zu gedenken, deren Namen mir an dieser
Stelle besonders nennenswert ersdieinen. Der eine ist
Gustav Pauli, als Direktor der Kunsthalle der Vor¬
gänger unseres Freundes Carl Georg Heise und sozu¬
sagen der Großvater im Amt unseres heutigen Haus¬
herrn. Der andere ist Fritz Schumadier, der als Stadt¬
baumeister den Teil der Kunsthalle geplant hat, in
dem wir uns befinden.
Dieses Verantwortungsgefühl für das öffentliche
Wohl gehört zu Warburgs moralischer Statur und
hätte sidi gezeigt, wo immer er gelebt hätte. Aber
Hamburg nahm bei ihm doch noch eine besondere
Stelle ein. Mit aller gebotenen Vorsicht glaube idi
sagen zu können, daß gerade auch in seinen wissen-
sdiaftlichen Arbeiten ein Stückdien Hamburg zum
Vorschein kommt. Ich denke an seine Beiträge zur
Kunst- und Kulturgeschichte von Florenz.
Jetzt ist die Vorliebe für die Florentiner Kunst des
fünfzehnten Jahrhunderts etwas aus der Mode ge¬
kommen; zu Warburgs Zeit war sie allgemein. Er ist
durch August Schmarsow als Student zum ersten Mal
nach Florenz gekommen, und Schmarsow war der
Gründer des dortigen Deutschen Kunsthistorischen
Instituts. Adolf Hildebrand, von dessen Ästhetik
Warburg stark beeinflußt war, lebte in Florenz. Und
Jacob Burckhardt, dessen Darstellung noch heute
17
unser Renaissancebild beherrscht, hatte sehr wesent¬
lich aus Florentiner Schriftquellen geschöpft. War-
burgs Arbeiten knüpfen an Burckhardt an, und kein
Lehrling kann sich der Dankesschuld dem Meister
seines Handwerks gegenüber klarer bewußt gewesen
sein als Warburg es in seiner Bewunderung für Burck¬
hardt war. Trotzdem dürfen wir heute sagen, daß das
Bild, das Warburg von der Renaissance gezeichnet
hat, in vielen Punkten über das von Burckhardt hin¬
ausgeht.
Warburg hat als junger Ehemann etwa zehn Jahre
in Florenz gelebt, und seine älteste Tochter ist dort
geboren. Vielleicht wäre er nicht nach Hamburg zu¬
rückgekommen, wenn er nicht gefühlt hätte, daß er
sich von der Fülle des Materials, das ihm aus dem
Archiv, aus den Sammlungen und Kirchenschätzen
zuströmte, entfernen mußte, um es gedanklich verar¬
beiten zu können. Jedes Wort, das er über Florenz
geschrieben hat, trägt den Stempel einer so persön¬
lichen Beziehung, wie man ihr im wissenschaftlichen
Schrifttum nicht häufig begegnet. Man könnte
beinahe sagen, daß Warburg in den Arbeiten über
Florenz seine Buddenbrooks geschrieben hat. Noch in
seinen letzten Lebensjahren ist er seiner Sprache, sei¬
nen Gesten, seinem ganzen Gebaren nach in Florenz
immer für einen Florentiner gehalten worden, und
mit seinem feingliedrigen Körperbau und seinem aus¬
drucksvollen dunklen Kopf ist er auch physiogno-
misch dort weniger herausgefallen als in Hamburg.
Ich kann es mir nicht versagen. Ihnen eine Gesdiichte
i8
zu erzählen, die gar nicht hierher gehört, außer daß
sie den Florentiner Warburg in Aktion zeigt. Eines
Sommers waren Gerüchte über eine Typhusepidemie
im Umlauf, und Warburg lief bei allen Behörden
herum, um sie zu vernünftigen Vorsichtsmaßregeln zu
bewegen. Aber die Gefahr wurde so lange abgestrit¬
ten, bis man schließlich in der Wasserleitung, aus der
von Fiesoie her das Florentiner Trinkwasser kam,
einen toten Esel fand. Als Warburg daraufhin in
bitterem Triumph und mit aller Absicht, eine wilde
Anklage zu erheben, wieder bei der Behörde erschien,
bekam er die Antwort: »Aber es war doch so ein
kleines Eselchen«. Es ist einer der wenigen Vorfälle
dieser Art, die ich von ihm kenne, wo selbst er die
Waffen gestreckt hat.
Aber seine Wahlverwandtschaft mit dem Florenz
des 15. Jahrhunderts, die wissenschaftlich so wichtig
geworden ist, wird erst ganz verständlich, wenn man
daran denkt, daß Florenz damals ein Stadtstaat war,
und zwar im Gegensatz zu den übrigen italienischen
Staaten der Renaissance - mit der Ausnahme von
Venedig - eine Republik; und daß die leitende Rolle
in diesem Gemeinwesen von einem bürgerlich-kauf¬
männischen Patriziat gespielt wurde. Ich glaube, wir
dürfen ruhig annehmen, daß es in Warburgs Ham¬
burger Erfahrungen etwas gegeben hat, was sich in
ein unmittelbares Verständnis für die Florentiner im
Zeitalter der Medici umsetzen ließ. Er war davon
ausgegangen, den künstlerischen Stilwandel in der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu untersudien.
19
also von einem formalen Problem, das jedem Kunst¬
historiker seinerzeit geläufig war; und in seiner ersten
Schrifl: hat er, wie Sie vielleicht wissen, Botticellis
mythologische Bilder behandelt, die Geburt der Venus
und den sogenannten Frühling, für den er den Namen
»Das Reich der Venus« vorgeschlagen hat. In dieser
Schrifl: hat er seine Beobachtung niedergelegt, daß
Botticellis Stilmerkmale, flatternde Haare und be¬
wegte Gewänder, sich auch in der zeitgenössischen
Dichtung und Kunsttheorie nachweisen lassen, und
daß sie überall Anzeichen einer erwachenden Vorliebe
für klassische Vorbilder sind.
Nun waren die Jahre von etwa 1450 bis 1490, für
die er sich speziell interessierte, der Zeitraum, in dem
sich in Florenz eine Wandlung des ganzen Lebensstils
anbahnte, von der der Stilwandel in der Monumental¬
kunst nur ein Teil war und die auch alles Zubehör des
praktischen Lebens ergriff. Warburg begann also folge¬
richtig, Gegenstände des täglichen Bedarfs in seine
Betrachtung einzubeziehen, und zog dazu nicht nur die
großen literarischen Zeugnisse heran sondern auch,
und sogar vor allem, Privatdokumente. Er schuf da¬
durch für die Kunstgeschichte etwas, wofür wir in der
klassischen Altertumswissenschafl: den Ausdruck Re¬
alienkunde gebrauchen. Wir mögen heute darin ein
Erbteil des historischen Positivismus erkennen; zu
Warburgs Zeit hätte sich kein Kunsthistoriker für die
Geschäftskontrakte der Medici interessiert, oder für
das Testament eines ihrer Teilhaber, in dem von Kunst
nichts vorkommt, oder für die Briefe ihrer Vertreter,
20
V ^
die über sdiledite Gesdiäfte klagen; derartiges wurde
den Historikern der Nationalökonomie überlassen.
Was die Gegenstände des Hausrats anbelangt, so
gehörten sie nadi damaliger Auffassung zum Kunst¬
gewerbe, und ihr Bildersdimudk schien nach Stil und
Inhalt zu weit entfernt von den Erzeugnissen der so¬
genannten »freien« Kunst, als daß man ihn zur Beur¬
teilung herangezogen oder sich gefragt hätte, wie
Warburg es tat, ob nidit vielleicht in beiden Fällen
die Wahl des Bildinhaltes durdi den Gebrauch mit¬
bestimmt war.
Ich will Ihnen von Warburgs Folgerungen nur ein
Beispiel geben. Aus der Korrespondenz der Medici
mit ihren Vertretern in Brügge geht hervor, daß sie
sidi meterweise Bildteppiche aus Flandern kommen
ließen. Diese kostbaren Stoffe dienten zur Zimmer¬
ausstattung, als Wandbekleidungen oder Bettvor¬
hänge, und stellten mit Vorliebe in großen Figuren
Szenen aus der antiken Geschichte dar. Wenn sie etwa
für den Hof Karls des Kühnen bestimmt waren, wun¬
dern wir uns nicht, burgundische Kostüme darauf zu
sehen. Nun fiel es aber Warburg auf, daß die Medici
ihren Agenten, die audi Italiener waren, einschärften,
darauf zu adhten, daß auf den für sie angefertigten
Teppidien die Figuren »nadi dortiger Sitte« dar¬
gestellt würden. Sie hatten also eine solche Vorliebe
für den flandrischen Stil, daß sie die heroischen
Gestalten der Griechen und Römer in der Kleidung
burgundischer Paladine mit Vergnügen akzeptierten.
Damit verlor das, was man bis dahin etwas vage als
21
den niederländischen Einfluß in der florentinischen
Kunst bezeichnet hatte, alle Unbestimmtheit. Dieser
Einfluß erschien als das Produkt einer bewußten Wahl,
deren Ursprüngen man nachgehen konnte, und die
Wege, auf denen er nach Florenz kam, stellten sich
als die des normalen Handelsverkehrs heraus.
Die Art, wie Warburg an Hand solcher Detailana¬
lysen sein Bild von der Mentalität der Florentiner
Bürger des 15. Jahrhunderts entworfen hat, ist un¬
nachahmlich; was wir daraus gelernt haben, ist, daß
auch aus geringfügigen Dokumenten menschliche
Stimmen zum Sprechen gebracht werden können.
Aber nachdem Warburg den ganzen Apparat von be¬
stehenden Geschmacksriditungen und Anforderungen
des praktischen Lebens, der sich zu Anfang dem Stil¬
wandel widersetzt hatte, in Anrechnung gebracht
hatte, stellte sich die Entwicklung des antikisierenden
Stils der Hochrenaissance viel differenzierter dar als
bisher. Die Florentiner Entwicklung wurde zu einem
Hauptzeugen dafür, wie sich die Aufnahme der
antiken Überlieferung in der Renaissance vollzogen
hatte und welchen Anteil die Nachahmung von Vor¬
bildern aus der klassischen Kunst daran hatte.
Man sollte denken, daß die Italiener sich nur auf
ihrem eigenen Grund und Boden hätten umsehen dür¬
fen, um die authentischen Zeugnisse der griechisch-
römisdben Vergangenheit zu erkennen. Aber dazu ge¬
brauchte es einer geraumen Zeit. Zunächst hat man
in Italien, ebenso wie im ganzen mittelalterlichen
Europa, die Antike in einer Umformung übernom-
22
men, die ihren Ursprung in der Spätantike hatte. Die
Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr
und mehr gerade auf diesen mittelalterlichen Über¬
lieferungsprozeß konzentriert, und wir wissen jetzt
mehr davon und können ihn auf mehr Gebieten ver¬
folgen als es zu Warburgs Zeiten möglich war.
Aber es ist kein Zufall, daß es ein Kunsthistoriker
war, von dem diese Forschungsrichtung herrührt.
Lange nämlich bevor die Zeugnisse der antiken Lite¬
ratur und Philosophie wiederentdeckt und verständ¬
lich geworden waren, hatten die Gestalten der antiken
Mythologie in der Erinnerung weiterbestanden. Sie
waren auch bis zu einem gewissen Grade immer ver¬
ständlich geblieben; und zwar deshalb, weil sie in
Bildern überliefert sind - in Bildern, die sich auf Stein,
Ton, Metall oder Gemmen erhalten hatten. Es waren
nur wenige Bildformen, die von späteren Generatio¬
nen übernommen wurden, aber diese wenigen wurden
immer wieder kopiert. »Der Mensch«y pflegte War-
burg zu sagen, »ist mit wenig Auslagen gearbeitet«.
Einzelentlehnungen des 15. Jahrhunderts aus der
antiken Kunst waren natürlich schon bekannt. Es
gibt ein Skizzenbuch mit Kopien antiker Bildwerke,
das Ghirlandajo zugeschrieben wird und das den
Malern und Bildhauern seiner Zeit als Musterbuch
Vorgelegen haben mag. Die runden Baureliefs im
Flofe des Palazzo Medici sind Nachahmungen anti¬
ker Gemmen, von denen sich die Originale in Loren-
zos Besitz befunden haben. Aber bei solchen Fest¬
stellungen war es geblieben — nach einer Absicht, die
23
der Auswahl aus dem antiken Formenschatz zugrunde
gelegen hätte, war nidit gefragt worden. Man setzte
voraus, daß die Künstler des 15. Jahrhunderts von
derselben Verehrung für alles Antike beseelt waren,
wie sie seit dem 18. Jahrhundert für jeden Gebildeten
selbstverständlich geworden war. Audi Warburg ging
zunächst von solchen Einzelentlehnungen aus. Er fand
zum Beispiel, daß die Vorbilder für Botticellis schrei¬
tende oder schwebende Figuren der neu-attisdien
Plastik entnommen waren. Auf einer Zeichnung aus
Botticellis Schülerkreise war eine Gruppe von drei
Figuren nach einem antiken Sarkophag kopiert wor¬
den, der damals an der Treppe von Araceli in Rom
eingemauert war. Aber worin er der Methode der
Überlief erungsgesdiidite eine neue Wendung gab, war,
daß er nicht nach dem Was oder Woher der Entlehnung
fragte, sondern nach dem Warum. Er stellte dabei
fest, daß es den Künstlern oder ihren Auftraggebern
und gelehrten Beratern bei ihrer Auswahl nicht in
erster Linie auf den Inhalt der antiken Bildwerke
ankam, sondern auf ihre Gebärden. Das Vorbild für
die rasche Bewegung und die nervöse Mimik von
Botticellis Figuren war die Haltung der klassischen
Mänade. Die Gruppe von Apoll und Daphne, in der
der Gott die Geliebte zu ergreifen versucht, wurde
zum Prototyp der Liebesverfolgung. Und wenn in
einem Grabrelief in Sta. Trinitä in Florenz die Trauer
um den Toten, der dort begraben liegt, dargestellt
werden sollte, so wählte man als Vorbild einen anti¬
ken Sarkophag, auf dem Gestalten im klassischen
Klagegestus die Leiche des heidnischen Meleager um¬
gaben.
Nachdem Warburg einmal diese Bedeutung der an¬
tiken Ausdrucksgesten aufgegangen war, ließen sich
viele Beispiele dieser Art feststellen. Die Künstler des
15. Jahrhunderts bedienten sich der klassischen Ge-
bärdenspradie dort, wo es sich ihnen darum handelte,
Augenblicke hödister Erregung, Kampf, Triumph,
Raub, Verzweiflung oder Klage darzustellen.
Warburg war ein Schüler von Hermann Usener;
er war also aus seiner Jugend mit der Mythenfor-
sdiung vertraut. Aber er hat nicht nach der Bedeutung
der Mythen gefragt, die diesen Darstellungen zu¬
grunde liegen. Für ihn waren sie bildgewordene see¬
lische Situationen. Medea ist kein Beispiel eines Arche¬
typus, wie C. G. Jung es will; ihr Bild ist identisch mit
der Gestalt, die ihr der Mythos verliehen hat: sie
erscheint als die eifersüchtige Frau oder als die Kindes¬
mörderin. Ebenso ist es für die Bildgestaltung un¬
wesentlich, ob Proserpina das Sterben und Wieder-
erwachen der Vegetation verkörpert; so wie ihr Bild
uns überliefert ist, ist es ein Ausdruck für gewaltsame
Entführung geworden. Alle diese Gestalten sind, wie
Warburg es ausdrückt, Pathosformeln, die in der An¬
tike geprägt wurden. Wenn spätere Generationen diese
Prägungen als Vorbild wählten, so suchten sie darin
das Pathos der tiefsten Erschütterungen des mensch¬
lichen Daseins, dessen klassische Ausdrucksmittel sie
sich zu eigen machen konnten. Denn die vorgeprägten
Bildformen bewahren in sich die Erinnerung an die
tragischen Mythen der Griechen und weisen dadurdi
in den Bereidi des Religiösen zurück.
Dieses Gefühl für den Ursprung der gestalteten Form,
das intuitive Erfassen ihres psychologischen und reli¬
giösen Gehalts durchdringt Warburgs ganze Forschung.
Es verleiht seiner Sprache ihre eigentümliche Eindring¬
lichkeit, obwohl sie sich nie von dem historischen
Einzelfall seiner jeweiligen Untersuchung entfernt. Es
gibt Mythen, von denen er nicht sprach, weil sie ihn
zu stark ergriffen. Einer davon ist die Geschichte von
Oedipus, und ich glaube nicht, daß man dieser Scheu
Genüge tut, wenn man sie psychoanalytisch erklärt.
Trotzdem hat Warburg es gewagt, sich auf ein Gebiet
zu begeben, in dem die klassischen Gestalten nicht als
Pathosformeln, sondern als offenkundige Dämonen
erscheinen. Ich meine seine Studien über Astrologie.
Es ist nicht schwer, die gedankliche Brücke zu schla¬
gen, die in seinen Arbeiten von den Pathosformeln
zur Astrologie führt. Auch die Astrologie ist ein Stück
bildhafter Überlieferung, die sich von der Spätantike
bis zur Renaissance verfolgen läßt. Die Namen und
Figuren der Planeten und die Gebilde des Tierkreises
sind heute noch Zeugen der mythenbildenden Phan¬
tasie der Griechen. Aber die Bilder haben hier eine
gefährlichere Umformung erfahren als in den künst¬
lerischen Ausdrucksformen; sie sind durch die kosmo¬
logischen Spekulationen spätantiker, alexandrinischer
Autoren hindurchgegangen, und in der mittelalter¬
lichen Astrologie erscheinen sie als Sterndämonen. Sie
beeinflussen das Schicksal jedes einzelnen Menschen
26
nadi den Zufällen ihrer Stellung am Himmel und
ihrer mensdienähnlichen Natur, und die astrologisdie
Praxis stellt einen Versuch dar, ihre Absichten durch
die Beobachtung und Berechnung ihrer Bewegungen
2 >m Himmel festzustellen und ihnen so zuvorzu¬
kommen.
Diese Vorstellungen haben in der Gesdiichte, wie
Sie wissen, eine große Rolle gespielt. Warburg hatte
recht, wenn er sich als Historiker ihnen zuwandte, und
seine Untersuchung über Astrologie und den Glauben
an wahrsagende Mißgeburten im Kreise von Luther
und Melanchthon ist ein kompliziertes, aber im
Grunde nüchternes Beispiel seiner Methode, aus Bild-
und Schriftquellen eine historische Situation zu erfas¬
sen. Er hat damit diese Überreste des heidnisdien
Sdiicksalsglaubens von dem Odium des bloßen Aber¬
glaubens befreit und ihre Herkunft aus religiösen
Vorstellungen klargestellt.
Aber letzten Endes ist es ihm nicht lediglidi um der¬
artige Feststellungen historischer Zusammenhänge zu
tun. Die Astrologie hatte für ihn eine Bedeutung, die
uns alle angeht: es spiegelt sich in ihr das Bewußtsein
von der Unzulänglidikeit des menschlichen Daseins.
In seiner Hilflosigkeit dem Sdiicksal gegenüber greift
der Mensch zur Magie; er beginnt mit den Bildern zu
manipulieren - aber zu seinem Schaden. Zwar lebt in
der Vorstellung, daß der böse Saturn die guten Ein¬
flüsse des Planeten Jupiter durchkreuzen kann, noch
die Erinnerung an den Kampf zwischen Kronos und
Zeus. Aber die Bildgestaltungen des Mythos haben
27
i
hier nicht mehr, wie in der Kunst, die Funktion von
Vorbildern; sie sind zu Abgöttern geworden, die den
Menschen in Furcht und Schrecken halten.
Allerdings, in der Astrologie steckt noch etwas An¬
deres, Tröstlicheres. Neben der Dämonenfurcht sind
in ihr die Überreste einer rationalen Erklärung des
Kosmos enthalten, die auch ein griechisches Erbe ist.
Der Versuch der Astrologen, die Bewegungen dieser
dämonenförmigen Himmelskörper zu verfolgen, war
noch im 16. Jahrhundert der Ausgangspunkt für die
exakten Beobachtungen von Tycho Brahe und Kepler.
Aber nachdem einmal auf Grund der wiederbelebten
griechischen Wissenschaftslogik die Planetenbahnen
mathematisch errechnet worden waren, mußte sich das
Bewußtsein vom Verhältnis zwischen Weltall und
Kreatur grundlegend verändern. Anstelle der greif¬
baren Nähe der Gestirne, die dem Menschen auf den
Leib zu rüdken drohten, trat, wie Warburg es aus¬
drückt, »der Denkraum der Besonnenheit«. Nicht
daß damit die Menschheit ein für allemal von der
Furdit vor Dämonen und dem Glauben an die Macht
der Sterne befreit worden wäre. Wir haben es selbst
erlebt, wie sie sich immer wieder melden, wenn die
Gemüter von Unruhe ergriffen werden. Ich erinnere
Sie an die Flut von Prognostiken und Meldungen von
der Geburt monströser Geschöpfe, die zur Zeit der
Machtergreifung Hitlers erschien. Und überall gibt es
Zeitungen, in denen Horoskope gestellt werden, und
astrologische Wochenblättdien, die eifrig gelesen wer¬
den. Warburg selbst hat erzählt, daß nach Vorträgen,
28
in denen er die Gefahren der Astrologie in ihrer heu¬
tigen Ausübung anprangern wollte, Leute zu ihm
kamen, die ihm sagten: »Wenn so ein gelehrter Mann
wie Sie sich soviel damit ab gibt, dann muß doch etwas
Wahres dran sein<(.
Magie und Logik, das Doppelantlitz der Antike,
das zum Schicksal der europäischen Kultur geworden
ist, sind auch die beiden Pole, zwischen denen das
Pendel des individuellen Bewußtseins hin und her
schwingt. Daß der Mensch immer wieder in die Magie
zurückfällt, enthebt ihn nicht der Verpflichtung, im¬
mer wieder den Versuch zu machen, sich durch eigenes
Denken von ihrem Zwang zu befreien. In Warburgs
Worten: »Athen muß immer wieder aus Alexandria
gerettet werden«,
Warburg glaubte an die Macht der Vernunft; er war
ein Aufklärer, gerade weil er das Vermächtnis der dä¬
monischen Antike so gut kannte. Lessings Laokoon
war der große Einfluß seiner Jugend gewesen, und er
fühlte sich der deutschen Aufklärung des 18. Jahr¬
hunderts verpflichtet. Ebenso nahe, und aus denselben
Gründen, fühlte er sidi einer anderen Figur der deut-
sdien Geschichte, die im Mittelpunkt seiner Darstel¬
lung des Dämonenglaubens der Reformation steht:
Martin Luther. Daß er selbst in Luther den wirren
Glauben an Kometen, Monstren und Meteore fest¬
stellen mußte, die als Warnungssignale vom Himmel
geschidit werden, gehörte für ihn zu der Ambivalenz,
die er jeder gesdilchtlichen Erscheinung zugestand.
Aber er sah trotzdem in der deutschen Reformation
29
eine der großen europäischen Bewegungen, die den
Weg zum selbständigen Denken freigemacht haben
und zu der Anerkennung des Rechtes des Individuums
führen, seine eigenen religiösen und moralisdien Ent¬
scheidungen zu treffen. Die Reformation war für ihn
eine fortschrittlidhe Macht.
Hier komme ich zu dem letzten Punkt, den ich Ih¬
nen in Warburg nahe bringen möchte. Er kam aus
einem Elternhaus, das an der Tradition des ortho¬
doxen Judentums festhielt. Seinen ersten Akt der
Aufklärung hat er an sich selbst vollzogen. Als er
nach Bonn auf die Universität ging, erklärte er seinen
Eltern, daß er von nun an die jüdischen Speisegesetze
nicht mehr beobachten würde. Sidier hätte er dies
auch ohne Wissen der Eltern durdiführen können,
aber das wäre für ihn keine echte Emanzipation ge¬
wesen. Er hatte sich damit den Zugang zu einem Weg
geöffnet, auf dem er weiter fortschritt. Die Verhält¬
nisse der Gründerjahre in Deutschland waren der As¬
similation günstig; in Hamburg waren sein Bruder
Max und dessen Freund Ballin in fraglos anerkann¬
ten einflußreichen Positionen. Warburg selbst hat sein
militärisches Dienstjahr mit einer geradezu rühren¬
den Freude und Gewissenhaftigkeit erfüllt. Er hat es
dem kaiserlichen Deutschland nie vergessen, daß es
die Juden gut behandelt hat, und hat es auch später
nicht gern gehört, wenn man etwas daran bekrittelte.
Noch im Jahre 1929 hat er den früheren Reichskanz¬
ler Bülow in Rom besucht - obwohl dies vielleicht mit
einem leichten Augenzwinkern geschah, weil er Bü-
30
lows italienische Frau so gern hatte. Und obwohl
er sich mit Deutschland so rückhaltlos identifizierte,
wie es uns, der nächsten Generation, schon vor Hit¬
ler nicht mehr möglidi gewesen wäre, trotzdem ist
er die Furdbt vor Antisemitismus nie ganz los ge¬
worden. Eine kleine Bemerkung von ihm spricht hier
mehr als viele Worte. Als sich in seinem eigenen
Hause in Florenz eine Freundin seiner Frau mit einem
seiner jüngeren Kollegen verheiratete, er also jeden
Grund gehabt hätte, sich als dazugehörig zu fühlen,
schrieb er in sein Tagebuch: »Mary und ich nicht mit
zur Kirche gegangen. Es ist bessery man wundert sich,
daß wir nicht mit dabei sind als daß sich jemand wun¬
dert y daß wir dabei sind^. Der Hellsichtigkeit, die aus
einer solchen zwiespältigen Stellung herrührte, ist es
vielleicht zuzuschreiben, daß er zu den wenigen ge¬
hörte, die außer sich waren, als Bethmann-Hollweg
anläßlidi der Verletzung der belgischen Neutralität
das Wort vom »Fetzen Papier« sprach; und in der
ersten Hälfte August 1914, als ganz Deutschland über
den geglückten Vormarsch in Frankreich im Freuden¬
taumel schwelgte, stehen in seinem Tagebudi die pro¬
phetischen Worte: »Wir siegen uns zu Tode«.
Der Stolz auf die jüdisdie Eigenart, der in der Or¬
thodoxie immer bestanden hatte und der sich unter
dem Drud^ des Antisemitismus später auch bei freisin¬
nigen Juden entwickelte, war ihm fremd, und wo er
ihm begegnete, hat er ihn scharf verurteilt. Er hatte
seine eigene Antwort auf die Frage, wodurch sich die
Juden von ihren Gastvölkern unterscheiden: Wir sind
31
zweitausend Jahre länger Patienten der Weltgeschich¬
te gewesen<(. Mehr war nicht daran; aber wer War-
burgs Diktion kennt, für den ist es nicht schwer, in
dieser Formulierung den spradilichen Zusammenhang
zwischen »Patient« und »Passion« herauszuhören:
Amor fati.
Es ist kein Zweifel, daß seiner Person etwas von
einem alttestamentarischen Propheten anhaflete. Alle,
die je die Fülle und Beredsamkeit seines Zornes an
sich erfahren haben, müssen das empfunden haben.
Aber man denkt bei ihm auch an das Flegel-Wort, daß
der Historiker ein rückwärtsgewandter Prophet sei.
Warburg hat seine wissenschaftliche Aufgabe als eine
Sendung empfunden; er sprach vom »Problem, das
ihn kommandierte« - dem er leidend gehorchte, trotz
der Anfälligkeit seines Körpers, trotz des Unverständ¬
nisses, dem er vielfach begegnete und trotz der eige¬
nen Verzagtheit, der er nur zu häufig ausgesetzt war.
Es sollte, wie er es einmal ausdrückte, seiner For¬
schung »kein Hauch blasphemischer Wissenschafleiei
anhaflen«.
Und nun lassen Sie midi mit einem kleinen auto¬
biographischen Satz schließen, den Warburg einmal
auf italienisch niedergeschrieben hat: »Ebreo di san-
gue, Amburghesedi cuore, d'animaFiorentino«, »Jude
von Geburt, Hamburger im Herzen, im Geiste ein
Florentiner«. Er hat selbst vielleicht gar nicht so
genau gewußt, was für eine seltene Verschmelzung
diese drei Elemente in ihm eingegangen waren.
(
I